Die Mitternachtsblume – E02

Die Hinweise der Skorpiongarde zeigten unseren drei Wüstenreisenden den Weg zum Verborgenen Garten, den sie schließlich nach zwei Tagen erreichten. Durch einen Canyon zwischen den Sandsteinen gelangten sie bis zu einer hohen Mauer aus großen Felsquadern, deren einziger Durchgang mit einer schweren, gußeisernen Tür versperrt war. Florale Muster schmückten das Tor und eine schalenförmige Vertiefung mit Pflanzenresten darin ließ vermuten, auf welche Weise die Tür geöffnet werden könnte.

Doch noch bevor Mato, Leda und Vestu einen geeigneten "Schlüssel" finden konnten, kündeten Lärm und schnell wechselnde Schatten im Canyon eine neue Gefahr an. Ein Rudel Rostnackengnolle tauchte plötzlich auf und ihr Anführer schickte unverzüglich seine auf gewaltigen Hyänen reitenden Kämpfer in die Schlacht. In ihrer Verzweiflung blieb der Gruppe nur, ihre Kamele zu opfern und sie den Heranstürmenden entgegen zu werfen. Doch noch ehe sie ineinander prallten, legte sich gnädige Dunkelheit über den Canyon, aus der das Verkeilen der Tiere, das Brechen von Knochen und der Aufschrei zerquetschter Gnolle zu hören war. Vestu hatte ihre Zauberkraft genutzt, um Zeit zu gewinnen.

Währenddessen war Leda auf die Mauer geklettert, hatte dort aber kaum Halt gefunden und wäre fast rücklings in den Garten gestürzt, der von Dschungel überwuchert war. Das Blasrohr glitt ihm aus der Hand, fiel sechs Schritt hinab und war zwischen den üppigen Pflanzen kaum mehr zu sehen.

Einer der Gnolle hatte sich mit einem Sprung nach vorn über die Kamele hinweg gerettet und schlug mit mächtigen Schlägen seines Morgensterns auf Vestu ein. Sie konnte der Wucht kaum standhalten und ein gewaltiger Schlag der dornenbewehrten Kette schlug ihr auf den Rücken und riß ihr Kettenhemd auseinander. Vestu wich zurück und deckte sich mit dem Schild, während ihr der Gnoll unbarmherzig die Stufen hinauf zur Tür folgte. Plötzlich durchschnitt ein gellendes Hornsignal den Kampfeslärm und mit dröhnenden Hufen kam die Kavallerie der Skorpiongarde den Canyon entlang galoppiert.

Zumindest sorgte Leda dafür, dass es ganz so klang. Die Gnolle jedenfalls fielen auf die aus dem Nichts auftauchenden Stimmen herein und versuchten sich durch kopflose Flucht in Sicherheit zu bringen. Das gab Mato die Gelegenheit, ebenfalls an der Mauer hinauf zu klettern, nachdem sie gut versteckte Steigeisen zwischen den Steinquadern entdeckt hatte, die bis nach oben führten. Offensichtlich waren unsere drei nicht die ersten unkonventionellen Gartenfreunde.

Während sich Vestu und Mato gegenseitig auf die andere Seite des Gartens halfen, ging Leda schon ein paar Schritt voraus, um einem spitzen Schrei nachzugehen, der aus Richtung des rechten von zwei überwuchernden Wegen zu kommen schien. Doch er kam nicht weit. Als er sich durch das Dickicht näher heranschleichen wollte, trat er in eine Kolonie roter Feuerameisen. Als Leda es bemerkte hatten sie sich bereits über seinen rechten Stiefel ausgebreitet und begonnen, eine Schürfwunde am Bein zu bearbeiten. Er rollte sich über den Boden und versuchte alles, sie los zu werden, aber es dauerte nicht lange bis große Teile seines Körpers von Ameisen überschwemmt waren. Ein verzweifelter Sturz in den Kanal rettete ihn schließlich gerade noch vor der kompletten Lähmung durch das Ameisengift.

Die anderen fanden Leda zwischen den Bäumen und versorgten ihn, bis er wieder stark genug war, um weiter zu gehen. Die Gruppe folgte dem rechten Weg weiter, sah Spuren der anderen Besucher, die wohl noch nicht lange vor ihnen hier gewesen sein mussten und kamen schließlich wieder ins Freie. Auf einem künstlich angelegten Felshügel, der Teils mit Kakteen, teils mit Bäumen bewachsen war, sahen sie eine Horde Affen faul im Schatten dösen. Ihr Fell war schwarz mit einem intensiv leuchtenden blauen Strich, der über der Nase ansetzte und sich über den Kopf den ganzen Rücken hinab zog. Auf der Hügelkuppe stand ein einzelner, großer Baum, der ein gewaltiges Nest aus Zweigen trug, in dem mehrere Affen herumtollten. Über den Rand des Nestes hingen die Beine eines unglücklichen Abenteurers, der offenbar von den Affen dort hinauf geschleppt worden war. Das linke, schuhlose Bein zuckte noch kurz, dann erschlaffte es.

Episode 1