ED Session 07: Kinder der Lüfte

Mit Smarak war die Welt auf einmal nicht mehr stumm. Wo die Gefährten am Abend zuvor noch auf Zeichen im Schotter und das Raten aus Mienen angewiesen gewesen waren, legte sich nun über jedes Wort der Dinganni eine Bedeutung. Der Ork ging durch das Sommerlager wie ein Mann, der eine verschlossene Tür nach der anderen aufstößt, und hinter jeder lag ein Stück mehr von diesem fremden Volk und seinen Sorgen und Hoffnungen.

Im Zelt der Anführerin fanden sie zusammen, im Halbdunkel zwischen Ziegenfellen und dem Rauch eines kleinen Feuers. Ikjama, die sie die Mondäugige nannten, sprach offen, und Smarak gab jedes ihrer Worte weiter. Drei Schatten lagen über den Revishai. Da war die geflügelte Echse, die sich über den fettesten Weiden eingenistet hatte und schon zwei Ziegen gerissen hatte, sodass der Stamm seinen besten Grund mied. Da war, ferner und schwerer, die Sorge vor dem Herbst, wenn die Herden talwärts ziehen mussten – vorbei an den Sklavenjägern in ihren blutroten Rüstungen, von denen die Nomaden nur mit gedämpfter Stimme sprachen. Und da war, ganz unmittelbar, ihre tote Schamanin.

Freyba war auf dem Weg ins Sommerlager gestorben. Ihr letzter Wunsch band den Stamm: hinauf auf die Sturmvogelspitze wollte sie getragen werden, dorthin, wo die mächtigsten Vögel der Lüfte über dem ganzen Land kreisten, um dort aufgebahrt eins zu werden mit den Ahnengeistern. In zwei Tagen musste der Zug aufbrechen. Die Gefährten, so deutete Ikjama an, könnten sich dem ersten Krieger des Stammes anschließen, Techmane, der die Tote hinaufgeleiten würde.

Erkundungen im Dinganni-Dorf

Der erste volle Tag unter den Dinganni gehörte den Gefährten selbst, und jeder von ihnen folgte dem, was ihn am stärksten anzog.

Fraá suchte das, was unter der Oberfläche lag. Er ließ sich von den Dinganni über ihren Glauben erzählen und erkannte bald, dass diese Menschen ganz und gar mit den Luftgeistern und den Ahnenwesen verwoben waren, dass sie nichts höher hielten als diese. Freiheit und Bewegung galten ihnen mehr als alles andere – sie sahen es in ihren Pferden, die frei zwischen den Zelten liefen, und sie lebten danach. Und sie sahen, das erfuhr der Obsidianer mit einiger Verwunderung, in ihm selbst ein Gegengewicht, das nötig war, damit die Welt in ihrer Waage blieb. Denn ohne Erde, so sagten sie, gäbe es keinen Himmel. Danach ging Fraá hinaus und suchte zwischen den Wiesen nach Kräutern. Manches Vielversprechende glaubte er zu erkennen – doch das Land rings um das Lager war längst abgegrast und abgesucht, von den Ziegen wie von den Menschen, und gab kaum mehr etwas her.

Selis und Zasa gehörten an diesem Tag dem Himmel. Nach den engen Schächten des Kaers, nach dem Regen und dem grauen Fels war es ein Rausch, einfach nur durch die Lüfte zu gleiten. Übermütig tollten sie mit den Kindern der Revishai, mit den Erwachsenen, zogen über die Wiesen und die Ziegenherden hinweg, und der kleine Windling ließ es sich gut gehen, als hätte er das Fliegen neu erfunden.Erst später, zum Glück, im Lager, musste er noch einmal mit der Klarheit der Worte hören, was die Revishai auf ihrer Reise Schreckliches erfahren hatten: Das wunderbare Volk der Windlinge hat die Plage nicht überlebt.

Kor'venn ging einen stilleren Weg. Schon im Gespräch mit Ikjama hatte er die junge Nachwuchs-Schamanin Aljun gebeten, ihn zu dem Jäger zu bringen, den die geflügelte Echse angefallen hatte. Er fand den Mann in stabiler Verfassung und gut versorgt vor – die Dinganni verstanden ihr Handwerk –, und so wandte sich der Troll dem anderen Ende des Lebens zu. Unweit des Hügels, auf dem die tote Freyba aufgebahrt lag, stellte er seinen Teetopf bereit und lud Aljun ein, bei ihm zu verweilen. Der Geist der Schamanin gesellte sich nicht zu ihm; kein Wort, kein Zeichen aus dem Jenseits kam herüber. Und doch gewann Kor'venn durch das Ausharren und das Ritual des Tees den Respekt der beiden Balsamierer, deren Arbeit er am nächsten Tag noch aufmerksamer verfolgte.

Es war eine Kunst, die der Troll so nie gesehen hatte. Die beiden legten farbige Bänder um den Körper der Toten, in komplizierten Lagen und Verschlingungen, banden sie damit immer enger, bis am Ende ein erstaunlich kleines Paket vor ihnen lag, wo eben noch ein Mensch gelegen hatte. Die Bänder selbst, so erfuhr Kor'venn später, waren in unterschiedliche Kräutertinkturen getränkt, damit sie die Tote bewahrten und sicher hinauf bis zur Sturmvogelspitze brächten.
Den Tag zuvor hatte Kor'venn das Ziegenleder verziert, dass er sich erbeten hatte. Er zeichnete darauf Bilder, Geschichten der Ankunft, der Freude über die Gemeinschaft. In trollischen Schriftzeichen dankte er für die Aufnahme und gelobte, dass sein Clan, die Frostfäuste, diese Freundschaft erwidern würde. Dieses Geschenk überbrachte er Ikiyama, die es irrte und über den Eingang ihres Zeltes hängte.

Was die Verehrung verbietet

Smarak war an diesem Tag überall. Als Übersetzer ging er von Mensch zu Mensch, sammelte Worte und Wege ein, und schließlich brachte ihn das zu Rajandath, dem besten Jäger der Revishai. Mehrmals schon hatte dieser die geflügelte Kreatur beobachtet, kannte ihr Revier, wusste, wie sie sich bewegte. Im Gespräch begann Smarak zu ahnen, worin das eigentliche Problem lag.

Gewiss, die Kreatur war gewaltig – vier, vielleicht sechs Meter lang, mit einer Flügelspanne, die einen Schatten über die ganze Weide warf, drachengleich, fähig, eine Ziege einfach so vom Boden in die Höhe zu reißen. Und doch wollte es Smarak nicht in den Kopf, dass die vereinte Kraft eines ganzen Dorfes dieses Tier nicht in die Schranken weisen könnte. Etwas anderes stand dahinter. Die Revishai verehrten die Kreaturen der Lüfte so tief, dass sie es schlicht nicht übers Herz brachten, dieser eine Verletzung zuzufügen oder sie zu vertreiben. Sie vom Himmel zu holen – das kam für sie unter keinen Umständen in Frage. Das wurde Smarak überdeutlich, als er einen Plan, der in diese Richtung zielte, im Lager zur Sprache bringen wollte und damit Irritationen auslöste. Die Adepten würden sich etwas anderes einfallen lassen müssen. Und vielleicht, dachte der Ork, waren gerade sie es, die dem Dorf an dieser Stelle helfen konnten. Sie, die nicht durch dieselbe Ehrfurcht gebunden waren.

Der Horst über den fetten Weiden

Am zweiten Tag suchten Smarak, Selis und Fraá gemeinsam mit Rajandath die fetten Weiden auf, das Revier der Himmelsechse. Es regnete schon den ganzen Vormittag, und der Jäger wies sie darauf hin, dass die Echse an solchen Tagen bislang nie zu sehen gewesen war. Vor zwei Tagen erst hatte er sie beobachtet, wie sie am Waldrand ein völlig ahnungsloses Reh vom Boden riss und damit davonflog. Wo genau sie nistete, wenn sie nicht über den fetten Almen kreiste, konnte selbst Rajandath nicht sagen.

Wie erwartet zeigte sich die Kreatur nicht. Doch um nicht ganz unverrichteter Dinge abziehen zu müssen, wollten sie wenigstens die Stelle in Augenschein nehmen, an der er die Überreste der Ziege gefunden hatte. Rajandath fand sie wieder und führte die Gefährten zu einer Mulde, in der noch einige Knochen lagen, zerfetzte Hautstücke, die Hinterläufe des Tieres. Der Rest fehlte. Darüber reckte sich die Felswand gut dreißig Schritte empor, um in einem Überhang zu enden, hinter dem sich ein Sims andeutete, ehe der Fels weiter in die Höhe stieg.

Selis und Zasa wollten es genauer wissen. Gemeinsam kletterten sie die nasse Wand empor und lugten vorsichtig über die Kante des Überhangs. Dahinter öffnete sich ein schmaler Sims, kaum drei Meter breit, doch gut fünfzig Meter weit zog er sich an der Wand entlang. Und in dieser Wand klafften Höhlen, eine neben der anderen, in jeder erdenklichen Größe – manche kaum einen halben Meter breit, andere zweieinhalb Meter weit und zwei Meter hoch, auf ganz unterschiedlicher Höhe in den Stein gegraben. Mit Grausen erkannte der Windling, dass von zweien dieser Höhlen Schleifspuren wegführten: von einer mittleren und von einer der kleinen. Abrieb von Häuten, Fell, Fetzen und alte, eingetrocknete Blutspuren zeichneten die Wege nach.

Gerade als Selis die kleinere Höhle näher betrachten wollte, bemerkte er aus dem Augenwinkel, dass er beobachtet wurde. Aus der zweiten Höhle, jener mit der Blutspur, ragte aus dem Dunkel ein Paar Klauen hervor, sichelförmig, jede so lang wie der Arm des Windlings. Und diese Klauen – sie bewegten sich, langsam, voller Ungeduld. Ganz vorsichtig, möglichst lautlos, gab Selis seinem Zasa ein Zeichen, und der Zoak schob sich im Krabbengang über den Überhang zurück nach unten. Sie entkamen.

Während Selis über ihm in luftige Gefahr geraten war, hatte Smarak unten weitergesucht und war zehn Meter entfernt fündig geworden. In einer kleinen Senke lagen die Überreste jenes Rehs, das die Echse zwei Tage zuvor gerissen hatte: der Kopf und das Rückgrat, an dem noch die Hinterläufe hingen. Mehr hatte die Kreatur nicht übrig gelassen. Offensichtlich hatte sie auch dieses von oben herabgeworfen, achtlos, wie man Abfall fallen lässt.

Aufgeregt erzählte Selis den anderen, was er und Zasa über der Kante entdeckt hatten – die Höhlen, die Schleifspuren, die ungeduldigen Klauen im Dunkel. Dann zog sich die Gruppe rasch durch das nasse, hohe Gras zurück in Richtung Lager. Es gab Wichtigeres, dem sie sich zuwenden mussten.
Vor Tagesende wollte sich Smarak trotz Regen noch kurz die Tonfundstätte und den Brennofen anschauen. Das Tonvorkommen war von Weitem im trockenen Flusslauf zu sehen. es wurde wohl schon seit einiger zeit ausgebeutet Daneben ein einfacher Brennofen und ein älterer Mann, der ihn bediente. das mag für den kurzes aber herzliches gespräch mit dem alten diese zeigte ihm das Geheimnis der Mondboote. Sie leuchten im Dunkeln und der Ton wird dafür mit zerriebenem schwarzen Stein gemischt, den die Revichai auf ihrem Weg ins Sommerlager gefunden haben. Und noch etwas offenbarte ihm der Ofenwächter: Vielleicht war der Himmelskreatur auch ganz anders beizukommen. Vielleicht wartete sie auf einen ebenbürtigen Gegner der Erde, wie es nur der Obsidianer sein konnte, um sich mit ihm die Kräfte zu messen.

Aufbruch zu den Vögeln der Lüfte

In der Nacht erholte sich Kor'venn gut von den Verletzungen, die ihm der lange Aufstieg aus dem Berg noch in den Knochen sitzen hatte lassen, und am Morgen war er zuversichtlich, die beschwerliche Reise mit den anderen antreten zu können. Denn der Weg führte nun hinauf zur Sturmvogelspitze. Es war Freybas letzter Wunsch gewesen, der Schamanin, die auf dem Weg ins Sommerlager verstorben war: dort oben aufgebahrt zu werden, bei den mächtigsten Vögeln der Lüfte, über der ganzen Weite des Landes, und wieder eins zu werden mit den Ahnengeistern.

Was die Gefährten der Freiheit auf diesem Weg erwarten würde, darüber werden wir beim nächsten Mal mehr erfahren.