ED Session 3: Lied der Vergangenheit

Die baufällige Brücke schwang sich in einem Bogen über den Kanal, der einst wohl elegant gewesen sein mochte. Jetzt bröckelte der Stein unter jedem Schritt, und der Mörtel zwischen den Fugen war längst zu Sand zerfallen. Darunter schoss das Wasser schnell und schwarz dahin – vom Dunkel kommend, ins Dunkel gehend –, und sein Rauschen verschluckte jedes andere Geräusch. Die Adepten überquerten einzeln, vorsichtig die rissige Brücke. Als zuletzt Fraá seinen massigen Obsidianleib über das Bauwerk schob, ächzte der Stein hörbar. Es hielt.

Auf der anderen Seite empfing sie wieder der Gesang. Eine Frauenstimme, klar und erstaunlich nah, trug ein zwergisches Lied durch die Gänge – ein heiteres Stück über den Wind, der die Windlinge durcheinander wirbelte, die Trolle ärgerte und den Zwergen ihre Bücher durcheinander brachte. Das Lied war allen wohlbekannt. Ein Kinderlied, hier unten im Dunkeln. Selis spitzte die Ohren. Rokosh runzelte die Stirn.

Die Schule im Fels

Der Gang führte tiefer in den behauenen Fels hinein, und mit jedem Schritt veränderte sich die Umgebung. Terrakottafliesen bedeckten nun den Boden, verziert mit floralen Mustern, und auch die Wände trugen eine Bemalung, die von einem Leben erzählte, das hier einst stattgefunden hatte. Einem ganz normalen Leben. Das machte es schlimmer. Am Ende des Ganges schimmerte das schwache, unregelmäßige Licht eines Leuchtkristalls, der offensichtlich das Ende seines Lebenszyklus erreicht hatte.

Auf halbem Weg öffneten sich Türen zu beiden Seiten. Die linke hatten sie nur bemerkt, weil ein kurzes, grelles Aufblitzen durch den Türspalt zuckte. Sie horchten. Nichts. Also zogen sie den schweren Riegel zurück und öffneten.

Dahinter lag ein Waschraum. Zwei große Becken, eine Nasszelle, Putzmaterial – alles an seinem Platz, als hätte jemand am Ende eines Schultages sorgfältig aufgeräumt und wäre dann nie wiedergekommen. Doch bevor sie mehr sehen konnten, traf sie ein greller Lichtblitz, der die Vorderen blendete. Nur Fraá war weit genug zurückgeblieben, um verschont zu bleiben. Als sich die Sicht langsam klärte, erkannten sie in einem der Waschbecken einen korallenartigen Pilz – in sich strukturiert wie ein Fraktal, fast geometrisch, aber ganz klar organischen Ursprungs. Die Adepten schützten ihre Augen auf verschiedenste Art und entgingen so dem nächsten Blitz. Dann deckte Kor'venn kurzerhand den defekten Leuchtkristall an der Decke mit Putzlappen ab.

Jetzt konnten sie den Pilz in Ruhe betrachten. Es war Smarak, der orkische Waffenschmied, der die entscheidende Beobachtung machte: In dem Moment, als der letzte Lichtstrahl aus dem Kristall drang – gerade bevor Kor'venn ihn endgültig verhüllte –, öffnete sich der Pilz für einen Herzschlag weit und schloss sich sofort wieder. Gemeinsam kamen sie zu dem Schluss, dass es sich um einen Korallenpilz handelte, dessen Sporen die wichtigste Zutat für Traumlospulver waren.

Gegenüber fanden sie hinter einem weiteren Riegel eine Art Heizungsanlage. Ein leises Zischen drang aus einer maroden Leitung – regelmäßig, fast wie ein Atemzug. Die Anlage arbeitete. Nach all den Jahrhunderten. Ganz von allein.

Das Klassenzimmer

Da verstummte der Gesang.

Die Stille, die folgte, war schlimmer als jedes Geräusch. Der Gang führte weiter, vorbei an einer Garderobe, an der noch die grauen Abbilder von Schulranzen hingen – nicht die Ranzen selbst, nur ihre Schatten, eingebrannt in den Stein. Wie die Umrisse von Dingen, die in einem einzigen, furchtbaren Augenblick aufgehört hatten zu existieren.

Der Boden vor ihnen hatte sich verändert. Die Terrakottafliesen waren ausgebleicht und grau geworden, die Wände rissig, die Bemalung verbrannt. Es roch nach etwas, das keiner von ihnen benennen wollte.

Vor ihnen lag ein schwach beleuchtetes Klassenzimmer. Und darin stand, hinter dem Lehrerpult, eine junge Zwergin mit blond-braunem, zum Pferdeschwanz geflochtenem Haar und einer grün-blauen Tunika. Sie war gerade dabei, Strohblumen in verschiedenen Vasen zu verteilen. Sie ging von Pult zu Pult, summte leise vor sich hin und ordnete die Blüten mit einer Sorgfalt, als käme es auf jede einzelne an. Dann bemerkte sie die Adepten und lächelte.

„Kommt herein, ihr seid ja früh dran. Wir können den Unterricht gleich beginnen."

Die Gruppe trat näher. Kor'venn aber blieb stehen. Er hatte seinen Blick in den Astralraum geworfen, und was er dort sah, ließ ihn erschaudern. In den Ecken der Kammer hing etwas. Schwarz. Dicht. Es klebte an Decke und Wänden wie Schimmel, der seit Jahrhunderten wuchs, und es pulsierte – langsam, kaum wahrnehmbar, aber es pulsierte. Er warnte die anderen sofort. Doch was sollten sie tun? Die Adepten gingen vorsichtig weiter ins Klassenzimmer.

Die Adepten setzten sich an die Pulte. In den verkohlten Bänken waren teilweise noch die Namen der Schüler zu lesen, vor vielen, vielen Jahren in das Holz geritzt. Kleine Namen. Kindernamen. Doch die Zwergin reagierte kaum auf ihre Anwesenheit. Sie spürte wohl, dass jemand da war, aber es schien sie eher zu irritieren als zu freuen.

Dann wandte sie sich direkt an Kor'venn. Ihr Lächeln war verschwunden. Ihre Augen waren weit und leer und sahen durch ihn hindurch auf etwas, das nur sie erkennen konnte.

„Sie werden kommen und sie werden töten. Sie werden uns alle töten. Sie werden uns würgen, weil wir noch sind und sie nicht mehr sind. Weil keiner sich schützen konnte in diesem Raum, der eigentlich Schutz bringen soll."

Rokosh hatte unterdessen leise die Tür hinter dem Lehrerpult geöffnet. Ein kleines Lehrerzimmer. Ein Schreibtisch, Bücherregale, Ständer für Karten. Alles verbrannt, zur Unkenntlichkeit verkohlt. Wie die Bänke. Wie die Ranzen an der Garderobe. Wie alles in diesem Trakt.

Die Aschekinder

Es war zu spät zum Fliehen.

Fraá stand noch vor der Türschwelle, als er sich umdrehte und den Gang zurückblickte. Was er sah, ließ ihn erstarren. Aus dem Dunkel, aus Richtung der Brücke, bewegten sich graue Schatten auf sie zu. Langsam zunächst. Dann schneller.

Aus der Finsternis schälten sich die verkohlten, aschernen Hüllen von Kindern. Sechs an der Zahl. Unterschiedlicher Größe. Dann hörten sie das Lachen. Kinderlachen, hell und unbeschwert und fröhlich, als kämen sie vom Spielen auf dem Schulhof zurück. Doch dann stolperte das Lachen. Es kippte. Ging über in ein Gurgeln, ein Krächzen, ein Jammern und Flehen, das aus Kehlen kam, die längst keine Stimme mehr hatten. Es war der Klang von etwas, das versuchte sich zu erinnern, wie Freude sich anfühlte, und daran scheiterte.

Dann waren sie heran.

Es war vor allem Selis, der den Kampf gegen das, was von den Kindern übrig war, kaum ertrug. Doch es blieb nichts anderes, als sich zu wehren. Zauber gingen fehl. Rokoshs Bolzen flogen durch die Hüllen hindurch, als wären sie nichts als Rauch, und nur wenige Treffer vermochten überhaupt etwas auszurichten. Smarak wurde gleich von zweien bedrängt. Eines der Aschekinder zog sich an seinem Körper hoch, klammerte sich mit Händen fest, die nicht größer waren als die eines Sechsjährigen, und atmete ihm heißen Ascheatem direkt ins Gesicht. Es verschlug dem Ork den Atem. Hitze und der Geschmack von Verbranntem füllten seine Lungen, und er hatte alle Mühe, seine Sinne beieinander zu halten.

Dann handelte Fraá. Der Obsidianer legte eine Eisfläche über den gesamten Bogen des Ganges, so glatt und so plötzlich, dass sich niemand mehr auf den Beinen halten konnte – weder die Adepten noch das, was auf sie zukam. Die Aschekinder wurden zu einem Knäuel von Armen, Beinen und Köpfen auf dem Boden. Geistesgegenwärtig nutzte Rokosh die Situation: Er rutschte auf dem Eis bis an das Knäuel heran und schleuderte es mit einem gewaltigen Tritt über die Eisfläche hinaus auf den Sims am Kanal. Zwei der Hüllen fielen über die Kante und stürzten lautlos ins schwarze Wasser.

Doch dann geschah etwas, das schlimmer war als alles zuvor.

Die verbliebenen Hüllen lösten sich auf. Sie zerfielen zu Asche und formten sich neu – nicht als einzelne Gestalten, sondern als eine einzige Wolke, aus der Arme ragten und Beine und kleine Köpfe, die sich drehten und wendeten und lachten. Die Wolke bäumte sich auf, füllte den gesamten Gang, und dann raste sie auf die Adepten zu. Sie rauschte über sie hinweg, durch sie hindurch, und Asche drang in Augen, Ohren und Nasen, legte sich auf die Haut und in die Lungen, und für einen Moment konnte keiner von ihnen atmen, keiner sehen, keiner denken.

Dann erreichte die Wolke das Klassenzimmer und hüllte die Zwergin ein.

„Ihr konntet sie nicht retten."

Ihre Stimme war kaum noch ein Flüstern.

„Auch ihr konntet sie nicht retten. Für uns ist keine Rettung mehr."

Dann lösten sich die Zwergin und die Aschenwolke auf. Es gab keinen Übergang. Im einen Moment waren sie da, im nächsten nicht. Zurück blieb nur das leere Klassenzimmer. Die Pulte. Die verkohlten Bänke mit den Kindernamen. Die Vasen, in denen keine Strohblumen mehr standen. Ein schales, leeres Abbild dessen, was dieser Ort einmal gewesen war.

Zurück blieben die Adepten. Hustend. Asche in den Haaren, auf der Zunge, in jeder Falte ihrer Kleidung. Der Geschmack von Verbranntem, der sich nicht mehr auswaschen lassen würde. Sie waren bereit, diesen Ort so schnell wie möglich hinter sich zu lassen – doch nicht, ohne vorher noch einen Blick in den Schreibtisch des Lehrerzimmers zu werfen ...