ED Session 05: Der erste Regen
Vor der schmalen Öffnung in den Forschungstrakt blieb Smarak stehen. Ein Schritt hinein, ein zweiter – dann brach es wieder über ihn herein. Der Zorn. Heiß und ungerichtet kroch er in seine Brust, verkrampfte seine Hände um den Waffengriff, ließ ihn die Zähne zusammenpressen. Ohne ein Wort drehte er sich um und kehrte zu den anderen zurück. Was auch immer dort hinten lauerte – diesen Trakt würden sie nicht weiter erkunden. Nicht heute.
Stattdessen führte ihr Weg sie wieder treppauf, weiter den steinernen Schacht hinauf, der das Kaer wie eine Wirbelsäule durchzog. Schon nach wenigen Stufen stießen sie auf die ersten Markierungen. Helle Striche aus Salzkreide, sorgsam gezogen, die unscheinbare Löcher in der Wand und kreisförmige Aktivierungspunkte am Boden umrissen. Eine Falle – und jemand hatte sie freundlicherweise markiert. Die Tagbringer waren hier vorbeigekommen. Schweigend prägte sich Smarak die Markierungen ein und führte die Gefährten einen sicheren Pfad zwischen den verräterischen Steinen hindurch.
Die Tür, die nicht war
Eine weitere Wendung der Treppe brachte sie auf einen Zwischenstock. Dort, gegenüber dem Treppenausgang, lag eine schwere Tür im rohen Mauerwerk. Der einzig offensichtliche Weg weiter. Und genau das war es, was Smarak misstrauisch machte.
Er blieb stehen, ließ den Blick wandern. Etwas an dieser Treppe stimmte nicht, etwas am Verhältnis von Stein zu Stein, und auch das Metall wollte nicht recht passen. Er kniete sich hin, fuhr mit den Fingern über den staubigen Boden. Da waren Spuren. Stiefelabdrücke der Tagbringer, die zur Tür führten – aber nur teilweise. An manchen Stellen brachen sie ab, ohne Grund, als hätten die Träger der Stiefel mitten im Schritt zu existieren aufgehört. An anderen Stellen tauchten sie wieder auf, wie aus dem Nichts. Eine Illusion. Auf der Tür lag eine Illusion.
Smarak richtete sich auf, trat näher, legte die Hand an den Griff. Er band ein Seil an den Griff und wich bis zur Treppe zurück. Vorsichtig zog er. Nur ein wenig. Nur, um zu verstehen. Dann mit mehr Zug dahinter. Er wollte es probieren.
Es genügte.
Über ihm setzte sich ein uralter Kettenzug in Bewegung, ein metallisches Rasseln, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Bruchteile von Sekunden. Fraá und Kor'venn standen außerhalb des Raumes, im Treppenschacht. Sie waren in Sicherheit. Doch Rokosh hatte sich an die gegenüberliegende Wand zurückgezogen, den Bogen gespannt, bereit, alles auf der anderen Seite der Tür mit einem Bolzen zu empfangen, was hindurchtreten würde. Smarak öffnete den Mund zu einem Warnschrei – aber die Decke war schneller. Das gesamte Deckengewicht löste sich aus seiner Verankerung und stürzte mit einem dumpfen, alles erschütternden Schlag in den Raum. Staub quoll auf, Steinsplitter zischten durch die Luft. Wo eben noch der Zwerg gestanden hatte, lag nun ein Berg aus zerborstenem Fels.
Einen Moment lang Stille. Dann bewegte sich etwas unter den Trümmern.
Mit fiebriger Eile räumten sie die Steine beiseite, einen nach dem anderen, mit den bloßen Händen. Rokosh war schwer verletzt – ein Bein schief, der Atmen flach – aber er lebte. Sie zogen ihn behutsam aus dem Geröll und legten ihn an die Wand des Treppenschachts, wo Kor'venn sich mit schnellen Fingern über seine Tasche mit den Heilutensilien beugte.
Und während sie sich um den Schützen kümmerten, geschah noch etwas. Mit dem Einsturz der Decke, mit dem Auslösen des Mechanismus, schien auch eine zweite Illusion ihre Wirkung zu verlieren. An der Seitenwand des Raumes, wo eben noch glatter Stein gewesen war, schälte sich der Umriss einer Tür aus dem Putz. Die echte Tür. Der echte Weg nach oben. Die Tagbringer hatten es gewusst. Die offensichtliche Tür war eine Falle, ein Köder für jeden, der nicht genau hinsah. Und sie hatten den Köder umgangen. Smarak biss sich auf die Lippe und sagte nichts.
Die letzte Verteidigungslinie
Mit Rokosh, gestützt zwischen Smarak und Kor'venn, stiegen sie weiter. Ein Stockwerk höher erwartete sie eine weitere Verteidigungslinie aus Fallen. Druckplatten und schmale Schächte in den Wänden, aus denen Speere schießen konnten. Doch jetzt waren sie gewarnt. Mit der mühsam errungenen Vorsicht jener, die gerade einen der Ihren fast begraben hatten, prüften sei jeden Tritt, jede Bewegung. Stück für Stück tasteten sie sich hindurch.
Und dann standen sie in der Vorhalle.
Der Raum war weitaus kleiner, als sie es sich immer ausgemalt hatten. Die letzte Verteidigungslinie des Kaers. Vor ihnen lag das Tor. Hinter den geschmiedeten Schichten des Metalls lag das, wovon ihre Eltern und Großeltern erzählt hatten und was keiner von ihnen je gesehen hatte. Die Welt.
An der Wand neben dem Tor war eine kreisrunde Vertiefung eingelassen, und in der Mitte dieser Vertiefung der Sitz für die Salzherzscheibe. Sie wussten, wie es ging. Drei von ihnen würde es brauchen, um den uralten Mechanismus in Bewegung zu setzen.
Der erste Regen
Während Smarak, Fraá und der noch immer halb benommene Rokosh sich um die Vertiefung gruppierten, die Scheibe ansetzten und mit vereinten Kräften zu drehen begannen, übernahm Kor'venn die Wache. Er trat an das Tor heran, legte das Ohr an den kalten Stein und lauschte.
Ein Klacken. Etwas Kleines, Hartes, das gegen die Außenseite des Tores schlug. Dann wieder. Und nochmal. Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Es war kein Tier, das er kannte. Kein Wassertropfen, kein Steinschlag, jedenfalls nicht in einem Rhythmus, der sich erklären ließ. Er behielt es für sich. Die anderen brauchten ihre ganze Kraft für die Scheibe.
Und die Scheibe wehrte sich. Der Mechanismus war alt, träge, widerspenstig, und es war keine Bewegung, die einem leichtfiel. Smaraks Schultern bebten unter der Anstrengung, Fraás jadefarbene Hände lagen weiß überzogen am Ring, Rokosh stemmte sich mit dem heilen Bein dagegen. Ganz langsam, mit einem Ächzen, das aus den Mauern selbst zu kommen schien, begann sich das Tor zu bewegen.
Und im selben Moment, mit demselben Mechanismus, schloss sich hinter ihnen das Tor zum Treppenschacht, durch den sie gekommen waren. Es würde keinen Rückweg geben. Nicht heute. Vielleicht nie.
Niemand sagte etwas. Sie drehten weiter.
Dann stand das Tor offen. Nicht ganz – aber weit genug. Ein Spalt nach draußen. Und durch diesen Spalt traf es sie.
Zuerst der Wind. Kalt, scharf, voll von einem Geruch, den keiner von ihnen jemals gerochen hatte – nass, mineralisch, lebendig, wild. Dann das Licht, fahl und grau, gefiltert durch etwas, das sie nicht kannten. Dann die Tropfen. Sie schlugen auf den Steinboden der Vorhalle, sie wurden vom Wind hereingetragen und fielen auf Hände, Stirn, Nacken. Regen. Zum allerersten Mal in ihrem Leben fühlten sie Regen auf ihrer Haut. Kor'venn hob das Gesicht, schloss die Augen.
Und im selben Moment kam der Stein.
Ein Kieselstein, klein, unscheinbar, von draußen geradewegs durch den Spalt geflogen. Er streifte Kor'venns Schulter und prallte gegen die Wand. Klack. Genau das Klacken, das er die ganze Zeit gehört hatte.
Er trat einen Schritt vor an den Spalt. Vor ihnen lag eine verregnete Berglandschaft. Steile, dunkle Hänge, in Wolken gehüllte Gipfel, ein Himmel, der nicht endete. Sie standen hoch, sehr hoch in den Bergen, und unter ihnen fiel der Fels in eine tiefe Schlucht ab, die der Regen mit grauen Schleiern verhing.
Und dort drüben, jenseits der Schlucht, zwischen zwei großen Steinen, sah der Troll plötzlich einen kleinen Kopf auftauchen. Klatschnasses Haar, ein Kindergesicht, blass im fahlen Licht. Der Menschenjunge duckte sich blitzschnell wieder weg, hinter den Stein. Aber er war da gewesen.
Sie waren nicht allein da draußen. Wer sie da empfing – darüber werden wir beim nächsten Mal mehr erfahren.