ED Session 2: Zwischen Feuer und Fresken
In unserer zweiten Sitzung stiegen die Gefährten der Freiheit weiter die endlose Treppe hinauf. Fackellicht tanzte über Fresken, die rechts und links die Wände säumten. Dazwischen ein Schriftzug in Orkisch, den keiner der Gefährten zu deuten vermochte. Doch die Bilder sprachen für sich.
Auf der einen Seite zeigten sie, was die Namensgeber verloren hatten, als sie ins Dunkel des Kaers hinabstiegen: prächtige Häuser mit blühenden Gärten hoch über einem Fluss, Spaziergänge mit Sonnenschirmen auf lebhaften Straßen, schnelle Kutschenfahrten übers Land, fröhliche Jagdgesellschaften mit Hirschen und Hunden, Badende in einer Therme, Weinverkostung und Gelage. Auf der anderen Seite war zu sehen, was sie zu gewinnen erhofften: das fokussierte Arbeiten an einem Buch, der gemeinsame Schlafraum verschiedenster Namensgeber eng beieinander, der Leseabend bei der alten Vorleserin im Kerzenlicht, Spielrunden mit Karten und Brettspielen, Tanz im Kaer, eine große Aufführung magischer Kunsstücke mit allerlei Spukgestalten gegen die Wand projiziert, die filigranen Werke der Glasbläserei. Ein bildgewordenes Manifest: Was sie aufgaben, war Überfluss. Was sie zu gewinnen erhofften, war Gemeinschaft.
Selis, dessen Windlingsaugen auch im schwachen Fackelschein scharf blieben, entdeckte kleine, aber markante Löcher in den Wänden und der Decke. Eine der Fallen, vor denen man sie gewarnt hatte. Die Tagbringer, jene Gruppe, die drei Jahre zuvor als erste das Kaer verlassen hatte, waren an den Simsen rechts und links entlang geklettert, um ihr auszuweichen. Die Gefährten hatten es einfacher: Fraa'orolo, der Obsidianer, hob einen nach dem anderen mit ruhiger Hand über die Gefahrenzone hinweg.
Dann stand die nächste massive, gusseiserne Tür vor ihnen. Ein schweres, kastenartiges Schloss hielt drei metallene Riegel fest in der Wand verankert. Runen zierten seine Oberfläche, die Fraa'orolo zwar lesen konnte, deren Sinn sich ihm aber nicht gänzlich erschloss. Es war Selis, der die Sache ins Rollen brachte: Er spritzte kurzerhand Wasser auf den Kasten. Und tatsächlich – es formten sich Perlen, die sich wie auf einer unsichtbaren Schnur von rechts nach links bewegten. Ermutigt gaben die Gefährten weitere Elemente hinzu. Rokosch suchte Staub von den Treppenstufen zusammen, der sich zu Kugeln formte und auf den Wasserperlen zu tanzen schien. Dann brachte ein kräftiger Atemstoß das dritte Element, die Luft, hinzu – und das Schloss gab nach. Dahinter ein weiterer Treppenaufgang, scheinbar endlos nach oben führend. Es knackte in den Ohren der Aufsteigenden. Noch nie in ihrem Leben waren sie so hoch hinauf gestiegen.
Und dann, unvermittelt, durchfuhr sie alle ein Déjà-vu. Es war, als würde die Treppe unter ihren Füßen verschwimmen, als trügen die Stufen sie nicht hinauf, sondern hinab, zurück an jenen Punkt, an dem ihr gemeinsames Abenteuer seinen Anfang genommen hatte.
Damals, vor einigen Jahren, waren sie zum ersten Mal in die Tiefen des Kaers geschickt worden. Ihre Lehrmeister hielten sie für erfahren genug, um den gefährlichen Weg zu gehen. Der Auftrag: In den Stollen, die nach der großen Gasexplosion versiegelt und über die Jahrzehnte mit Wasser vollgelaufen waren, nach Metall, Holz und anderen Materialien zu suchen, die man im Kaer dringend brauchte. Das Wasser war erst kürzlich zurückgegangen – wahrscheinlich hatte ein Fluss seinen Lauf geändert. Jetzt war es an der Zeit, die über mehr als zweihundert Jahre abgeschirmten Bereiche zu erkunden.
Tief hinab führte der Weg ins Höhlenreich, bis zu einer Stelle, die durch die Gasexplosion verschüttet war. Nur ein schmaler Spalt blieb offen. Gerade genug für Rokosch und natürlich für Selis, um auf die andere Seite zu schlüpfen, während Fraa'orolo und Cor'wren sich an die Arbeit machten, den verschütteten Gang freizulegen.
Zwerg und Windling drangen derweil neugierig ins Dunkel vor. An einer Kreuzung teilte sich der Weg in drei Richtungen. Links war nach kurzem ein Einbruch der Höhlendecke, komplett verschüttet. Nach rechts ging es über eine Rampe tiefer abwärts. Selis sah darin, was ein Windling eben in einer Rampe sieht: eine Rutsche. Er konnte nicht widerstehen und ließ sich auf seinen Hinterbeinen hinabgleiten, von oben mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen von Rokosch beobachtet.
Dann geschah das Ungeheure. Ein gewaltiger Schatten senkte sich von oben über den völlig überraschten Selis und ein riesiges Maul stülpte sich über seinen Kopf. Nur seinem Glück und seiner Geistesgegenwart verdankte es der Windling, dass ihm das geflügelte Monster den Kopf nicht von den Schultern trennte. Im letzten Moment rutschte er aus dem Schlund an der Unterseite der Kreatur heraus, bevor sich zwei Reihen rasiermesserscharfer Zähne schließen konnten. Das Wesen – eine Art Totenlaken aus öligem Fleisch – griff ihn weiter an. Selis setzte sich mit dem Schwert zur Wehr, während Rokosch von oben einen Bolzen abfeuerte, der leider das Ziel verfehlte. Doch Selis konnte der Kreatur eine tiefe Wunde zufügen, die sie gurgelnd und fauchend nach oben zurücktrieb. Der Windling ließ nicht ab, setzte nach, stieß abermals zu – und dann schlug ein mächtiger Bolzen des Schützen ein. Gemeinsam brachten sie das Wesen zu Fall. Als es am Boden lag, ein Haufen ledriger Haut und sehniger Muskeln, versicherte sich der Steppenreiter mehrfach, dass es auch wirklich tot war.
Am Ende der Rampe lag ein verschlossenes Tor. Doch die beiden Mutigen hatten vorerst genug von ihrem Einzelgang und kehrten zu den anderen zurück. Dort musste sich Selis einiges vom sicherheitsbewussten Troll anhören, was die Stimmung unter den Gefährten sichtlich eintrübte. Maulig und kleinlaut setzte er die Arbeit an den Steinen fort, überließ den Großen aber natürlicherweise den Großteil davon.
Nach mehreren Stunden war der Gang so weit freigelegt, dass auch Cor'wren und Fraa'orolo passieren konnten. Gemeinsam setzten sie den Weg bis zur Kreuzung fort und beschlossen, zunächst hinter das Tor am Ende der Rampe zu schauen. Es gelang Selis, dieses mit einem improvisierten Dietrich zu öffnen. Dahinter befand sich ein Warenlager, noch in einem so guten Zustand und reichlich gefüllt, wie es zweihundert Jahre zuvor zuletzt bestückt worden war: zwanzig Eisenbarren zu je zwanzig Kilo, zehn Eisenstangen von vier Meter Länge, achtzig Meter Tau, fünf Spulen Seil zu je hundert Metern, sechs Säcke Mörtel, drei mittelgroße gelbe Lichtquarze und ein riesiger Lichtquarz in Blau. Ein reicher Fund, der die Adepten mit einem Schlag im Kaer berühmt machen sollte.
Dann rückten sie über den zentralen Gang weiter vor. Eine größere Kammer tat sich vor ihnen auf, in rötliches Leuchten getaucht. Der gesamte Boden war von Kolonien von Salzkäfern bewohnt. Sie hatten sich zu Flecken unterschiedlichster Größe zusammengescharrt und bedeckten bis auf schmale Wege den gesamten Boden. Von den Käfern ging eine intensive Hitze aus. Und die Gefährten wussten aus den Geschichten der Älteren, dass aufgescheuchte Salzkäfer gefährlich werden konnten: Flogen sie auf, spritzten winzige Feuerelementarteilchen durch die Luft, die sich zu brennenden Wolken formen und schwere Brandverletzungen hervorrufen konnten.
Rokosch fasste einen Plan: gezielt Steine in die Kolonien werfen, immer nur wenige aufscheuchen, sodass sich kein Inferno daraus bilden konnte. Die ersten zwei Würfe gelangen auch noch recht gut. Doch der dritte setzte eine Kaskade in Bewegung. Kolonie nach Kolonie flatterte auf und in wenigen Sekunden brannte die Luft in der ganzen Kammer. Zum Glück konnten sich die Gefährten schnell genug in den angrenzenden Gang zurückziehen und der Feuerlohe gerade noch entgehen.
Als sie den Raum erneut betraten, war der Weg frei. Selis flog neugierig voraus und gelangte über Treppen zu einer Balustrade, einer Art Brücke, die über einen Kanal mit Wasser führte. Der Windling war kaum zu bremsen. Die Gruppe setzte nach – und dann hörten sie es: ein Lied. Eine weibliche Stimme sang eine ihnen vertraute Melodie. Es erzählte die Geschichte des Windes, der die Windlinge durcheinanderpurzeln ließ und die Trolle erzürnte. Ein zwergisches Kinderlied, das jeder von ihnen kannte.
Doch wer sang es hier, in diesem völlig verlassenen Teil des Kaers?