ED Session 06: Milch und Sterne
Der Spalt zog sich hunderte von Metern in beide Richtungen, ein jäher Riss im Fels, der das Kaer von der Welt trennte. Drüben, jenseits des Abgrunds, fiel das Land in eine tiefere Ebene ab; ringsum stiegen die Berge auf, die größten von ihnen schneebedeckt, mit ihren Häuptern in den Wolken. Hier also endete der lange Weg nach oben – und begann ein neuer, über den niemand wusste, wohin er führte. Die Gefährten verteilten sich, um ihre Lage zu begreifen.
Rokosh erklomm den Felsrücken unmittelbar über dem Kaereingang. Er fand Halt an Steigeisen, die längst nicht von ihm stammten – eiserne Haken, sorgsam in den Stein getrieben, vor Jahren, von jener anderen Gruppe von Adepten, die diesen Weg vor ihnen gegangen war. Die Tagbringer. Oben auf dem Grat spähte der Zwerg in alle Richtungen, suchte nach einem Übergang, nach irgendetwas, das die beiden Welten verbinden konnte.
Die anderen tasteten sich am Rand entlang. Sie fanden die Reste einer alten Brücke, doch von ihr war nur das nackte Gerippe geblieben: zwei steinerne Auflager, die einst Holz getragen hatten, und dazwischen nichts als die gähnende Tiefe. Eine steile Felswand im Westen wäre wohl zu bezwingen gewesen, aber außer Rokosh traute sich niemand, sein Leben einer solchen Kletterei anzuvertrauen. Am schwersten aber traf es Fraá. Auf dem schmalen Sims vor dem Tor konnte der Obsidianer kaum einen Schritt in irgendeine Richtung setzen, ohne den Halt zu verlieren. Schwer und unbeweglich war er dazu verdammt, unmittelbar vor dem Kaer auszuharren.
Der Windling über der Schlucht
Selis wartete nicht. Er schwang sich auf den Rücken seines Zoak Zasa, und während der Regen in kalten Schleiern über die Hänge zog, glitt er hinaus über den Abgrund auf die andere Seite. Dort, zwischen zwei großen Steinen, hockten die beiden Kinder, deren einer schon durch den Spalt im Tor zu sehen gewesen war – ein Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt, und ihr jüngerer Bruder, kaum sechs.
Es gab keine gemeinsame Sprache. Aber es gab Hände, Füße, Gesichter, Zeichen, die sie in den Schotter kritzelten. Tropfnass und geduldig versuchte sich der kleine Windling verständlich zu machen, stellte sich vor, deutete auf sich, deutete auf die Kinder. Stück für Stück fügte sich ein Verständnis: Der Junge hieß Rashu, das Mädchen war seine Schwester Avjin. Und schließlich, nach langem Hin und Her im Regen, malten die Kinder Zeichen auf den steinigen Boden, die nur eines bedeuten konnten – sie würden Selis und Zasa mit sich nehmen. Zu ihrem Dorf.
Es war eine weite Reise, gut zwei Stunden. Zunächst über das öde, windgepeitschte Hochland, kahl und grau. Dann aber öffnete sich das Land, und vor Selis breiteten sich grüne Matten aus, Wiesen und Täler, sattes Leben, wie er es nie zuvor gesehen hatte. Und dann tauchte das Dorf auf: ein Sommerlager aus Zelten, gefertigt aus Ziegenleder, dazwischen stolze Pferde, die frei zwischen den Behausungen liefen, und Gatter, manche noch im Bau, mit unzähligen Ziegen darin.
Die Probe der Milch
Doch ehe Selis das Lager erreichte, kam ihm in gestrecktem Galopp eine Schar entgegen: sieben Bewaffnete, ein Empfangskommando, das sich vor dem Windling auftürmte und auf ihn hinabstarrte. An ihrer Spitze Ikjama, die sie „die Mondäugige" nannten, Anführerin des Stammes der Revishai. Sie musterte Selis mit ihren Blicken, lange, prüfend. Auch sie sprach kein Wort seiner Sprache, und das Verständigen fiel schwer.
Dann unterzogen sie ihn einer Prüfung. Eine hölzerne Schale, gefüllt mit Ziegenmilch, wurde über sein Haupt geleert, bis der kleine Mann triefend dastand und ihm die weiße Milch unten aus den Stiefeln lief. Genau das prüften sie, beobachteten den Lauf der Milch über ihn, und mit dem, was sie sahen, schienen sie überaus zufrieden. Was auch immer die Probe offenbart hatte – Selis hatte sie bestanden. Die Nomaden schlossen sich ihm an und geleiteten ihn zurück zur Schlucht, zurück zum Kaer.
Dort hatte es vor allem Rokosh nicht lange ausgehalten. Oben auf dem Grat hatte er sogar eine Stelle gefunden, von der aus man Anlauf nehmen und auf die andere Seite springen könnte – doch sieben Meter über dem Nichts waren auch für ihn eine Weite, die ihm das Wagnis im Hals stecken ließ. Als die Nomaden eintrafen, war nach einigem Hin und Her klar, dass auch die übrigen Gefährten sich der Probe stellen mussten. Die Schale wanderte hinüber, und einer nach dem anderen ließ den Guss der Milch über sich ergehen. Wieder schienen die Reiter sichtlich zufrieden.
Dann bauten sie eine Brücke. Eine Seilkonstruktion spannten sie über den Spalt, an der sich die Adepten einer nach dem anderen hinüberzogen. Für die meisten war es kaum mehr als eine Unannehmlichkeit. Nur für Fraá wurde es zum stillen Drama: Mit jedem Zug konnte das dicke Seil unter seinem Steingewicht reißen. Erste Stränge lösten sich knirschend – doch der Obsidianer erreichte die andere Seite, und alle, auch die Nomaden, waren sichtlich froh darüber.
Unter fremden Sternen
Gemeinsam zogen sie ins Sommerlager der Ziegenhirten. Klug gewählt lag es am Ende eines eng verlaufenden Tales, dicht an einem ausgetrockneten Bachbett, über das wenige Reiter auch eine große Übermacht abwehren konnten – das erkannten die Gefährten sofort. Das Zeltlager selbst war noch im Aufbau; lange konnten die Nomaden noch nicht hier sein.
Und dann zog die Nacht herauf, und mit ihr ein Sternenhimmel, gewaltig, strahlend, unglaublich. So etwas kannten die Adepten nur von Bildern und Erzählungen aus dem Kaer. Es nun wirklich über sich zu sehen, direkt, endlos, machte sie sprachlos. Kor'venn beschloss, die ganze Nacht draußen unter diesem Himmel auszuharren, während die anderen das ihnen zugewiesene Zelt dankbar annahmen, samt der Speisen und Getränke, die die Nomaden bereitwillig mit ihnen teilten. Man konnte sich nicht verständigen, und doch entspann sich ein freundschaftliches Band. Schon beim Ankommen hatten die Dinganni einer nach dem anderen ein Lied angestimmt, das die Fremden willkommen hieß.
Ein trauriges Bild bot sich, als die schwarzhaarigen Nomaden sich vor dem Windling aufstellten, alt wie jung, einer nach dem anderen, und sich tief vor ihm verbeugten. Es war, als wollten sie ihm ihre Trauer entgegenbringen – denn Selis hatte erfahren, dass er für sie der einzige Windling war, der die Plage überlebt hatte. Fröhlicher ging es rund um den Obsidianer zu: Die Kinder kletterten auf Fraá herum und überboten sich gegenseitig darin, wer ihm die buntesten Federkränze und Windgeisterzeichen an Körper und Kopf hängen konnte, um den Erdgeist mit den Luftgeistern zu verbinden, die die Dinganni so sehr verehren. Geduldig, wie aus Stein gemeißelt, ließ Fraá alles über sich ergehen.
Am Abend führte eine der Dörflerinnen sie noch hinauf zu einem erhöhten Aussichtspunkt. Von dort tat sich die ganze Weite des Hochlands vor ihnen auf, und mit ihr ein Dutzend Orte, fern und verlockend, die sie schon bald begierig würden bereisen wollen.
Wohin ihre Wege von hier aus führen werden, darüber werden wir beim nächsten Mal mehr erfahren.