Oshury – 02 - 32 & 33: Die Traumgrube der Goblins

Mitten in der Nacht schreckte Nathanael von seiner Nachtwache auf. Er spürte Dank seiner Schlangeninstinkte, dass sich etwas dem Lager näherte. Und dann sah er es: Dicke, ölig glänzende Ranken krochen über den Boden auf sie zu.

Schnell weckte er die anderen und stellte sich mit Runu und Caius der Gefahr entgegen. Ein verrottender Radix, eines jener verderbten Pflanzenwesen, vor denen die Ta-Bokosh sie gewarnt hatten, war auf sie aufmerksam geworden. Während Nathanael und Caius sich mühten, die Ranken abzuwehren, unterbrach Runu den Ring aus Asche, den ein anderer Teil des Wesens, auf der anderen Seite der Existenz, geformt hatte. Denn es versuchte, darüber in ihre Welt einzudringen und mit dem Radix zu verschmelzen.

Nathanael versuchte mittels eines Zaubers das Unsichtbare sichtbar zu machen. Zu seiner Überraschung bekam er nicht mehr vom Radix, dafür aber von zahlreichen Waldgeistern zu sehen, die sich um die Lichtung versammelt hatten. Voller Anspannung und Sorge folgten sie dem Geschehen. Anscheinend waren sie alle zuvor Opfer des Radix geworden.

Die Wende im Kampf mit den Ranken brachte der Lichtdolch, den Nathanael aus der Scheide zog. Das taghelle Licht trieb die Ranken zurück. Die drei folgten ihnen bis zu einem Baum, der unter dem Gewicht an verwesenden Pflanzenresten und Zweigen fast zusammenbrach: Dort hatte sich der Radix in einer Kugel zusammen gezogen. Immer schneller zog der die Ranken in sich zurück, um sich gegen das Licht zu wehren. Eine der Ranken schlug Nathanael die gefürchtete Lichtquelle aus der Hand. Doch Caius schnappte sie aus der Luft und stieß die Waffe mitten hinein ins Knäuel des Radix. Dessen Korpus kollabierte und legte den inneren Kern frei: eine melonengroße Kugel, von der Wärme ausging. Caius nahm sie zu sich.

Anderntags setzte die Gruppe geführt durch Tekmaneh die Reise zur Traumgrube fort. Sie kamen an den Rand der Grube, die sich so weit das Auge reichte vor ihnen erstreckte. Steil abfallende Lehmhänge führten hinab. Unten lag eine dicke Schicht zähen Nebels, der die Sicht versperrte. Als klar war, dass es keinen anderen Weg nach unten gibt, begann die Gruppe damit, sich abzuseilen. Hintereinander, Tekmaneh voran, machten sie sich an den Abstieg.

Der Nebel war kalt und raubte ihnen nicht nur Sicht, sondern drohte, ihnen auch den Willen zum Weiterleben zu nehmen. Doch alle blieben standhaft. Aus dem Nebel schälten sich mehr und mehr Felsen heraus, die aus dem Lehm aufragten. Auf einem war ein Wesen aus Steinbrocken zu erkennen. Es streckte seine globigen Hände aus, darin ein glänzender Gegenstand in Form eines Tannenzapfens. Von den Ta-Bokosh davor gewarnt, von den Nefruugs, kleinen Erdgeistern, Geschenken anzunehmen, schlugen sie dieses aus. Doch Runu tauschte einen seiner Gegenstände gegen eine schwere Münze mit magischen Runen ein.

Endlich am Boden angelangt, erwartete die Gruppe ein steinerner Boden aus Geröll. Ohne rechte Orientierung marschierten sie weiter. Weiße Nebelwände ragten vor ihnen auf, die wie endlose Bettlaken aus der Höhe herabwehten und schmale Gänge bildeten. Nathanael, der schon in Eulengestalt in die Traumgrube hinab geflogen war, erkundete weiter in Tierform das Labyrinth. Die anderen folgten zu Fuß.

Die Eule erreichte einer Abzweigung folgend als erste einen Fluss aus Nebel. Bei näherem Hinsehen machte sie aber eine grausige Entdeckung: unter der Nebeldecke flossen Knochen langsam aber stetig den Fluss hinab. Hauptsächlich Fingerknochen, dazwischen größere wie von Armen und Beinen. Eine Reihe von Steinplatten erlaubte die Überquerung. Doch Nathanael flog zunächst den Fluss entlang und gelangte an einen Wasserfall. Dieser ergoss sich in großer Höhe aus einem gesichtsförmigen Gebilde, das in der Nebelwand zu schweben schien. Neugierig flog er hinein. Währendessen gelangte der Rest der Gruppe an den Fluss.

Dem Fluss flogend, drang Nathanael in Eulengestalt tiefer in den Schlund des Gesichts vor. Dort hatte der zum Bach gewordene Kochenstrom seinen Ursprung in einem umgefallenen Kupferkessel. Nathanael landete in der Nähe und machte dann Schritte auf den Kessel zu. Dabei bemerkte er nach einigen Schritten, dass er an Substanz verloren und deutlich geschrumpft war. Als er merkte, dass eine Umkehr keine Besserung brachte, entschloss sich der Magier kurzerhand, weiter auf den Kessel zuzugehen. Die Eule verlor Federn, Fleisch und Muskelmasse. Nathanael verwandelte sich in seine menschenähnliche Gestalt (mit Schlangenzügen) zurück. Er war auf 1/3 seiner Größe geschrumpft! Seine Kleidung und Ausrüstung allerdings nicht.

Als er den Kessel berührte, überkam in eine Vision seiner Patronin Morwe, der Obsidiankönigin. Ihm wurde schlagartig bewusst, dass er ein mächtiges Artefakt in Händen hielt, dass Morwe zeit ihres Lebens vergeblich gesucht hatte. Eine Woge der Macht wusch über ihn hinweg. Danach war seine Verwandlung in ein Schlangenwesen noch weiter vorangeschritten. Seine ganze Gestalt hatte sich verändert.

Die Gruppe zog es vor, den Fluss nicht zu kreuzen, sondern zurück zur Abzweiung zu gehen. So kamen sie dem verwandelten Nathanael entgegen, der große Mühe hatte, den für ihn reichlich großen Kupferkessel mitzuschleppen. Die anderen verlangen dessen Herausgabe doch vergeblich – Nathanael hielt an seinem neu gewonnenen Schatz fest. Gemeinsam zogen sie weiter.

Der Weg endete nach längerem an einer Felskante. Der Abrund war nicht einsehbar, da sich zäher Nebel nur einige Meter unterhalb hielt. Eine bogenförmige Brücke aus Stein schwang sich hinüber auf die andere Seite. Die Brücke selbst war durch Pfeiler getragen, die in aus dem Fels geschlagenen Schalen ruhten. Caius untersuchte das Ganze und machte Runu auf Asche aufmerksam, die sich darin befand. Während der junge Kartograph in der Asche nach verbrannten Papierstücken stocherte, überkam Runu eine Vision seines Gottes Hivtr: Er sah, wie Caius in der Mitte der Brücke stand, ans Geländer trat und dann zunächst seinen Stab in die Tiefe warf, um kurz danach selbst hinterher zu springen.

Unterdessen war der alte Tekmaneh auf die Brücke getreten. Runu wusste, dass ihn auf der anderen Seite Erlösung erwartete. Eine sichere Heimstatt, wie Hivtr sie seinen Gläubigen schenkte. Doch der Priester spürte auch, dass eine Gefahr direkt auf sie zuhielt: Aus dem Nebel schälten sich die Gestalten von vier Bernsteinkriegern. In zwei Reihen marschierend und mit Lanzen voran, kamen sie schnell auf die Brücke zu.

Dwinbar, Caius und Runu bildeten eine Linie, um Tekmaneh Zeit zu verschaffen. Die Bernsteinkrieger hatten es ganz offensichtlich auf den Goblin abgesehen, der vor einem ganzen Goblinleben dem Traum entronnen war.

Auch wenn sie sich wacker schlugen, schnell war klar, dass weder Caius noch Runu den Kriegern etwas entgegen zu setzen hatten. Dwinbar, der es mit ihnen hätte aufnehmen können, war ohne jedes Kampfglück und musste zusehen, wie seine Gefährten - und auch er selbst - schwer verwundet wurden. Aber das verschaffte immerhin Tekmaneh genug Zeit. Er verschwand gerade im Nebel, als der erste Bernsteinkrieger durch die Linie brach.

Er kam aber nur bis zur Mitte der Brücke. Dann machte er Schritte zum Geländer und setzte darüber hinweg und stürzte in die Tiefe. Zwei der Bernsteinkrieger wurden besiegt. Nathanael hatte den Knochenkessel gegen sie eingesetzt. Der letzte der Krieger ließ von der Gruppe ab, als Tekmaneh außer Reichweite war. Er verschwand im Nebel, so wie er gekommen war.

Die Gruppe beschloss, eine dringend benötigte Rast direkt bei der Brücke einzulegen. Erst danach war an eine Weiterreise zu denken. Caius schlüpfte in die stinkende Trolllederrüstung, um von deren Heilwirkung zu profitieren.